Königstein, Gemeinde: Küttigen AG
Koordinaten: 644 / 252

Die lederne Brücke am Königstein

Eine zahlreiche Ritterfamilie hütete vor 700 Jahren fünf Jurapässe. Deshalb hatten sie eine Doppelburg hoch über dem nebligen Tal errichtet. Jeder Teil bestand aus Bergfried und Palas. Beide trennte eine «Witi», also ein leerer Raum. Das Ganze umgab eine Mauer. Während der eine Familienzweig ganz vergnügt und unauffällig lebte, stach den Ritter in der andern Burg der Hafer. Allzu stolz auf seine Stellung war er geworden. Nicht nur besass er eigenes Land. Zudem hatte er Lehen eines entfernten Klosters erhalten. Was aber seinen Dünkel aufblähte, war, dass ihm der König selber die Pass-Hut übertragen hatte. Auf des Königs Geheiss ist die Doppelburg entstanden. Die Ritterfamilien bezogen Weggeld. Nur einer, Er, und nur er, hatte mit dem König gesprochen!

Doch wem es gut geht, der hat oft nie genug. Also begann dieser Ritter, seine Untertanen auszusaugen. Im Dorf unten war es schwierig zu wissen, welche Bauernfamilie welchem Herrn zugehörte. Es gab Höfe, die dem Kloster, solche, die dem Ritter, andere, die seinem Neffen gehörten. Einige Bauern waren Untertanen anderer, auswärtiger, Herren. Viele Familien hatten untereinander geheiratet. Es war unklar war, wer zu wem gehörte. Dazu lebten hier auch Königsfreie. Diese zahlten keine Steuern. Davon liess sich Ritter Kunibert aber nicht schrecken. Er verlangte Steuern von Allen, ausser von den Hörigen seines Neffen, und dazu noch jedes Jahr höhere.

Das Kloster rief deswegen das Gericht an, zuerst das des Bischofs, dann das des Königs. Der Ritter machte sich über den Bischof lustig und ging nicht zu Gericht. Er drohte, jedem die Kehle durchzuschneiden, der noch davon sprechen würde. Der König aber, wie so oft, weilte südlich der Alpen. Dem Ritter schwoll der Kamm noch mehr. Unerhörtes verlangte er: Jeder Bauer solle die beste Kuh schlachten, die Haut zu Leder verarbeiten lassen. Das Dorf müsse ihm daraus eine Brücke bauen, über das Tobel hin zu seinem Garten. Damit Alle sähen, dass ihm Ernst sei, steckte er drei Kinder als Geiseln ins Burgverlies. Erst nachdem er über die Brücke geritten sei, kämen sie wieder los. Zähneknirschend gehorchten die Dörfler. Die Bauern wurden arm, weil sie zuwenig Vieh hatten.

Jahre gingen ins Land. Alle Jahre brauchte es neues Leder zum Ausbessern. Der böse Ritter nahm stets Geiseln und fluchte über Gott, den das Dorf um Hilfe anflehte. - Ein Dörfler war dem Ritter besonders verhasst. In seinen Augen war dieser schuld, dass ihn die Menschen nur noch mit bösen Blicken ansahen und hinter seinem Rücken verwünschten. Gerne hätte er ihn durchbohrt, aber der junge Mann war nie allein anzutreffen. Als der Ritter gar ein Auge auf dessen schöne Schwester warf, war das Mass voll. Nachts schnitt ein Jemand die Halteseile teilweise durch. Beim nächsten Ritt über die Leder-Brücke rissen diese, und der Plaggeist fiel zu Tode. Begraben wurde er in ungeweihter Erde, auf der «Cheibenstatt», wo jeweils das Aas verlocht wurde. Seine Burg verfiel, und eine grosse Pest löschte bald die Ritterfamilie aus.