Tegerfelden (Teufelskanzel), Gemeinde: Tegerfelden AG
Koordinaten: 663 / 268

Die Schlüsseljungfrau

Einst lebte unterhalb der Burgruine, die hoch ob dem Dorfe Tegerfelden steht und weit über die Täler des Aargaus hinwegschaut, ein Hirtenknabe. Als er eines Abends seine Herde dem Flüsslein Surb entlang, das unten am Schlossberg vorbeifliesst, nach Hause trieb, sah er auf einmal, wie ein Lichtlein von der hochragenden Burg weglief. Verwundert blieb er stehen. Aber es kam immer näher und näher. Da legte er sich in eine Staude, um zu sehen, wohin das Lichtlein wohl gehe. Doch es ward immer grösser, und jetzt gab es einen weissen Schein unter dem Licht, wie ein wehendes weisses Tuch, und auf einmal ward daraus ein weisses Gewand und aus dem hellen Licht ein goldenes, leuchtendes Haargelock, und da schritt eine schneeweisse Jungfrau gesenkten Hauptes, gefolgt von einem schwarzen Hündlein mit einem roten Halsband, an ihm vorbei. In der Hand trug sie ein Henkelkrüglein, und das tauchte sie ins reine Bergwasser der Surb und sang dazu ein gar schwermütiges Lied. Das musste wohl das verwunschene Schlossfräulein von Tegerfelden sein. So nahe hatte er's noch nie gesehen. Aber als sie nun wieder den Weg zurückging, blieb sie vor seiner Staude stehen, als erwarte sie, dass er sie anspreche. Doch vor Schrecken blieb er stumm, und traurig ging sie weiter und verschwand im Burggraben. Da ward ihm schwer, und er bereute, sie nicht angeredet zu haben. Betrübt zog er mit seiner Herde heim.

Aber noch oft hörte er danach den schwermütigen Gesang und sah die Jungfrau in mondheller Nacht mit ihrem fliegenden Goldhaar in wehendem, weissem Gewände immer genau den Ring des zerfallenden Burggemäuers umkreisen. Wenn es aber gar hell war, konnte er wohl auch ihr schwarzes Hündchen mit dem roten Halsband gewahren, das ihr unablässig um alle Mauern nachlief. Als er sich einmal näher wagte, hörte er in ihrer Hand ein Schlüsselbund wie silberne Glockenstimmen klingeln. Da lief er feige nach Hause zurück.

Aber oft liess sich die schöne Jungfrau auch am hellen Tag sehen. Das erfuhr einmal ein armer Bauersmann, der eines Nachmittags einsam und allein an der Surb sass und nach Fischen angelte, denn die Seinigen hatten gar nichts mehr zu essen. Da auf einmal, als er so an nichts dachte und nur das Elend vor ihm stand wie eine graue Wand, schwamm etwas Glänzendes gegen ihn heran. Erst nahm er's für ein blosses Blatt, das der Herbst von den weissrindigen Birken geweht. Doch als es näher kam, sah er zu seiner Verwunderung ein seltsam glänzendes Gras, das wie ein goldenes Ringlein im Wasser zu ihm herantrieb. Und als er's nun haschte, war es eine leuchtende Haarlocke. Zornig warf er's ins Wasser und sagte: «Gold bist du nicht, man kann dich nicht verkaufen, und ein Fisch bist du auch nicht, so kann man dich nicht essen. Schwimm zu!»

Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, eine weissgekleidete Jungfrau neben ihm und sagte: «Geschwind lang's wieder heraus, sonst machst du dich und mich unglücklich!» Der arme Mann, der die Jungfrau wohl als das verwunschene Schlossfräulein erkannte, sprang der goldenen Flechte nach, fasste sie wieder und überreichte sie der Jungfrau. Und siehe, es war gerade, als wäre ihr die wundersame Flechte eben aus dem Lockenhaar gefallen, so frisch und golden leuchtete sie. Ein einziges Haar davon band sie ihm an die Angelschnur. «Es soll dein Glück sein» sagte sie zu ihm, «doch musst du dafür alle Wochen ein Vaterunser für uns beten.» Und verschwunden war die weisse Jungfrau.

Wie nun der Bauer seine wunderliche Angel zweifelnd ins Wasser hielt, zog es heftig an. Und wie er sie heraushob, hing eine sechspfündige Forelle daran. Und so ging's den ganzen Nachmittag fort, so dass er schwerbeladen mit den herrlichsten Blauforellen nach Hause ging. Da aber die Forellen schon damals als ein besonders leckeres Gericht galten, so gingen ihm die Fische, die er nun täglich fing, ab wie Maienbutter in der Sonne, also dass er bald ein wohlhabender Mann ward. Aber nun fing er zu trinken und zu prassen an, und zuletzt liess er die Fische Fische sein. Er trieb es so bunt und übermütig mit seinem Geld und Gut, dass er bald wieder ein armer Schlucker war. Da erinnerte er sich in der Not wieder seiner wundertätigen Angel. Er nahm sie samt der Rute von der Wand und machte sich verdrossen an die Surb, um sie nach Fischen auszuwerfen. Als er sie jedoch ins Wasser hielt, tauchte ein schwarzes Hündlein mit rotem Halsband aus der Flut, biss an der Angel das feine goldene Haar durch und versank damit wieder. Umsonst versuchte es nun der Bauer auf jede Weise, Fische zu fangen, keiner biss mehr an. Da schlug er sich vor den Kopf und wehklagte: «Warum habe ich das Vaterunser in meiner Liederlichkeit zu beten vergessen!» Der Verlust der Zauberangel machte ihn wahnsinnig, und zuletzt fand man ihn tot im Flusse.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten (Stuttgart 1915).