Tegerfelden (Teufelskanzel), Gemeinde: Tegerfelden AG
Koordinaten: 663 / 268

Der Drechsler und die Schlossjungfrau

Seltsam erging es einem Drechsler aus dem Dorf Döttingen. Der wollte einstmals im Burggraben einen Pfaffenkäppchenbaum umhauen. Doch er scheute sich, es bei Tag zu tun, der Leute wegen, denn jedermann wusste, dass an diesem Baum die Erlösung der Jungfrau hing. Aus seinem Holze, das an einem Karfreitag gehauen und ein Jahr lang getrocknet sein musste, sollte ja die Wiege gezimmert werden können, in der das Sonntagskind auferzogen würde, dem allein einst die Erlösung der schönen Jungfrau gelinge.

Also erzählten sich die Leute. Daher schlich sich der Drechsler nachts in den Burggraben und schlug ein solches Bäumchen um. Wie es umfiel, stand unversehens die weisse Jungfrau neben ihm. Entsetzt fuhr er zusammen. Sie aber redete ihn an: «Ehe Ihr mit dem Bäumchen etwas vermögt, müsst Ihr drei Dinge tun. Bleibt Ihr dabei fest, so habt Ihr nichts zu fürchten. Kommt am nächsten Sonntag wieder hierher, so sollt Ihr die Proben erfahren.»

Der Drechsler war ein mutiger Mann. Am Sonntag gegen Abend stand er wieder an der Burg. Und da war auch schon die Schlossjungfrau neben ihm, und an der Schnur führte sie ihr schwarzes Hündlein mit dem roten Halsband. Jetzt führte sie den Drechsler zu einem Tor in der Mauer, das er bisher nie bemerkt hatte. Sie nahm das klirrende Schlüsselbund und öffnete das Tor. Zuerst kamen sie in einen unterirdischen Gang. Gleichwohl schauten durch die gewaltige Wölbung die Sterne herein, was dem Drechsler unheimlich genug vorkam. Bald gelangten sie in einen grossen Saal, den viele Hunderte von Kerzen erhellten. An den Wänden sassen uralte Männer und schliefen in Wehr und Waffen. An der Rückwand aber stand ein eichener Trog, auf den das Hündlein hinaufsprang. «Küsse dieses Hündlein», gebot die Jungfrau. Der Drechsler tat's, und das Hündlein leckte ihm zum Dank die Stirn. Jetzt schlugen die schlafenden Männer die Augen auf und lächelten freundlich.

Doch da führte ihn die Jungfrau weiter in einen andern Saal. Der war voll schlafender Jünglinge und Jungfrauen. Die Jungfrauen glichen ganz der Schlossjungfrau, jedoch trugen sie keine Schlüsselbünde und hatten nicht ihre wunderbaren goldenen Haare. An der Rückwand stand wieder ein grösserer Eichentrog. Auf diesen setzte sich die Jungfrau selber und sagte leise: «Küsse mich!» Er tat's freudig. Aber siehe da, ihre Lippen waren kalt wie Eis. Jetzt schlugen auch die Jünglinge und Jungfrauen die Augen auf und lächelten den Drechsler glückselig an. Die Schlossjungfrau sprang vom Troge, lobte den Drechsler und sprach ihm Mut zu.

Dann geleitete sie ihn zu einem dritten Saale. Das war der schönste, und nicht Kerzen erhellten ihn, sondern ein wundersames, milchweisses Licht, das die Kinder beschien, die rings an den Wänden schlummerten. An der Rückwand aber stand wieder ein noch viel grösserer Eichentrog, und davor lag eine gewaltige Schlange zusammengerollt. Wie sich ihr der Mann näherte, richtete sie sich zischend auf und spie Feuer gegen ihn. Doch schritt er mutig über sie hinweg zum Eichentrog. Auf dem aber lag eine riesenhafte Laubkröte. Ihr Leib glich einer Bütte, ihre Augen waren wie Kaffeetassen, und ihr Leib schillerte in giftigen Farben. Gleichwohl nahm er sich zusammen und bückte sich, denn die Jungfrau bat: «Küsse sie!» Doch als er nun das Gesicht fast auf ihrem stinkenden Munde hatte, erblickte er ihren ekelhaften gerissenen Rücken.

Von Grausen ergriffen trat er einen Schritt zurück. Da ging ein Wimmern durch den Saal; die Kindlein erwachten nicht. Die Jungfrau aber rang die Hände, schrie laut auf, und im Augenblick war ihr weisses Kleid kohlschwarz geworden. Es wurde stockfinster und krachte in allen Mauern, als fiele die ganze Welt zusammen. Da ward der Drechsler ohnmächtig und sank nieder. Als er wieder zu sich kam, lag er vor der Burg in einem Fuchsloch mit schneeweissem Haar und Bart. Danach wurde er irrsinnig und stand jahrelang alltäglich an der Mauer und rief nach dem Schlossfräulein, aber er sah es nie und nimmermehr.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten (Stuttgart 1915)